Detail aus “Apotheose”, 2010, 200 x 200cm, Oel auf Leinwand

Pascal Möhlmann

„Wahnfried“

26. November bis 18. Dezember 2010

Vernissage: Donnerstag, 25.11.2010, 18.00 bis 21.00 Uhr
Finissage: Samstag, 18.12.2010, 16.00 bis 19.00 Uhr


Pascal Möhlmann
„Wahnfried“

Pascal Möhlmann wurde 1969 in Hilversum, Holland geboren. In Utrecht studierte er an der Hogeschool voor de Kunsten und besuchte anschliessend auf Einladung des Amsterdam Institute of Painting die Masterclasses bei Jurriaan van Hall. Seit 2006 wohnt und arbeitet Möhlmann in Zürich.

Pascal Möhlmann ist ein Meister in vielerlei Hinsicht. Auf der einen Seite seine Technik, die den alten Meistern in nichts nachsteht. Und dann ist da sein Blick auf die Gesellschaft – oberflächlich und beliebig nimmt er sie wahr. Auf der Suche nach der richtigen Kombination zwischen seiner alten Technik und der Darstellung der heutigen Zeit ficht er harte Kämpfe mit sich selber aus. Dies widerspiegelt sich ganz offen in seinen Werken.

Seine letzte Ausstellung fand 2007 in der Galerie Oliver Burger (heute Galerie Burgerstocker) statt. Seine Bilder zieren seither nicht nur eine Wand im Restaurant Volkshaus, sondern auch die Wände und Foulards des Seidengeschäfts En Soie.


Michèle Roten, Das Magazin,
über ihre Begegnung mit Pascal Möhlmann und seinen Bildern:

Der Tag vor etwa vier Jahren, an dem ich Pascal Möhlmann kennenlernte, war ein schlechter. Ich war in keiner guten Verfassung an diesem Tag. Ich war so soziophob an diesem Tag, dass ich mich eine Weile auf die Treppe vor der Tür zur Galerie setzen musste, um mich zu konzentrieren. Darauf, nicht zu weinen oder unkontrolliert zu fluchen. Darauf, den Mut und die Energie aufzubringen, den Raum zu betreten. Leute zu begrüssen, Smalltalk zu machen. Vernissagen sind ja das Allerschlimmste in soziophoben Phasen. Keine Ahnung, wie mein Freund es geschafft hatte, mich überhaupt aus der Wohnung und ausgerechnet an eine Vernissage zu bugsieren.

Wir gingen irgendwann rein, und was ich antraf, war so schlimm, wie eine Vernissage nur sein kann, wenn man in einer soziophoben Phase steckt: Da stand Tout Fucking Zurich in dieser Galerie, mit Cüpli- und Weissweingläsern in der Hand und greinte sich verschwörerisch an, erzählte sich die neuesten Lustigkeiten und Nichtigkeiten, die Geräuschkulisse ein (zumindest in meiner Erinnerung) ohrenbetäubendes Gemisch aus dem tausendfachen Tsching-Geräusch von anstossenden Cüpli- und Weissweingläsern, Männergegröle und dem irgendwie nur an Vernissagen anzutreffenden: «perlenden» Frauenlachen.

Ich fragte mich gerade, was ich an einer Vernissage zu suchen habe, schliesslich geht mir Kunst leider die meiste Zeit am Arsch vorbei, als ich mich den Bildern zuwandte, um mich von den Menschen abzuwenden. Und es passierte etwas Sonderbares (es gibt nur wenige Augenblicke in einem Menschenleben, deren Beschreibung man mit dieser abgegrabschten Wendung einleiten darf, aber das ist einer davon): Ich entspannte mich, weil ich merkte, dass ich etwas gefunden hatte, auf das ich meinen Fokus richten konnte und vor allem wollte. Möhlmanns Strich, seinen Stil zu sehen war ein Gefühl wie etwas vor ewigen Zeiten Verlorenes wiederzufinden, wie auf eine total naheliegende Lösung zu kommen, wie endlich auf die genau richtige Jeans zu stossen. Eine Erlösung. Ich erkannte mich wieder in den Bildern, das war mir alles sehr nahe, aber nicht auf die unangenehme Art, im Gegenteil. Ich freute mich einfach. Ich freute mich an so viel Kunstfertigkeit, an so viel Talent. Ich freute mich daran, so viel Schönes zu sehen, denn Möhlmann macht genau das, was ich schön finde, im allerbesten Sinne. Was ich stundenlang anschauen will. Er bringt es auf den Punkt.

Ich machte den ganzen Parcours, ich weiss nicht, wie lange es dauerte. Vorbei an den Bildern in fast fotorealistischem Stil; vorbei an den vielen Akten von der Dunkelhaarigen, die so intim sind, dass ich erschrak wie ein Spanner, als ich sie in echt unter den Leuten entdeckte (und von der ich später erfuhr, dass sie seine Frau ist); vorbei am selbstreferentiellen Tanga aus Leinwand; vorbei an den Studien anderer Körperteile; vorbei an der «Gallery of Idiots», diesen grimassierenden Szenefuzzis in grobem, aber präzisestem Strich (ich gehöre mittlerweile auch dazu und bin stolz darauf); aber am längsten stand ich vor «Standby I». «Standby I» verkörpert für mich das, was ich inhaltlich, abgesehen von seinem fabelhaften Pinselstrich, so mag an Möhlmanns Gemälden: Sein Sinn für die Gegenwart, für das unmittelbare JETZT, das tatsächlich, wenn man mal ehrlich ist, zu einem grossen Teil aus Kleinigkeiten und Banalitäten besteht. Eine leere Flasche Feldschlössen Bier. Der Aufnäher in Form einer Kettensäge, er war zu dieser Zeit überall zu sehen. Die keimenden Zwiebeln, kann man die eigentlich noch brauchen? Die Peperoni mit dem Gemüsewaage-Aufkleber, eine Plastiktüte für eine einzelne Peperoni wäre ja auch ein Witz.

In vielen Jahren werden wir diese Bilder ansehen und uns erinnern an JETZT, an diese Zeit, jetzt, hier in Zürich. «Standby» löste bei mir zum ersten Mal in meinem Leben den Wunsch aus, ein Kunstwerk zu besitzen. (Ich konnte es mir dann aber nicht leisten.)

Dieser Tag vor vier Jahren war also plötzlich gar nicht mehr so schlecht. Nicht, weil ich Pascal Möhlmanns Malerei entdeckte – Kunst geht mir immer noch mehr oder weniger am Arsch vorbei. Nein, vielmehr lernte ich an diesem Tag Pascal Möhlmann kennen, er wurde zu meinem besten Freund. Dieser Tag vor vier Jahren, er war ein sehr guter Tag.


naloo